Sensibilität

Was ist eigentlich diese Sensibilität?

 

Fangen wir ganz von vorn an: Was ist überhaupt diese Hochsensibilität? Ich bin eine große Freundin von Fakten und Wissen. Ganz gleich, was in meinem Leben passiert ist, ich war stets die mit dem Gesicht in den Büchern. Die meisten Wissenslücken habe ich früher oder später per Google und via Wikipedia geschlossen.

Google ich nach Hochsensibilität, lande ich (wie bei digitalen Suchanfragen üblich) mit dem ersten Eintrag beim Online-Lexikon Wikipedia und finde dort einiges über den wissenschaftlichen Hintergrund, Merkmale und Tests – doch eine allgemein anerkannte neurophysiologische Theorie, die die Ursachen beschreibt, suche ich vergebens. Wissenschaftler, Psychologen und Psychotherapeuten, die sich mit dem Thema Hochsensibilität beschäftigen, sind sich in vielen Aspekten einig, in anderen wiederum nicht. Kurzum: Es hat sich noch kein*e Forscher*in hingestellt und gesagt: «Wissenschaftler*innen haben nun herausgefunden, dass Hochsensibilität durch diese oder jene Prozesse ausgelöst wird.»

Deshalb habe ich versucht, aus all den unterschiedlichen Ansätzen und bisherigen Forschungsergebnissen diejenigen Merkmale und Ursachen herauszufiltern, die den Begriff Hochsensibilität fassbar machen.

Vorweg: Man findet im Netz, aber auch in der Literatur, unterschiedliche Bezeichnungen für hochsensible Menschen. Manche sprechen von hochsensitiven, hypersensiblen oder überempfindlichen Personen oder verwenden den englischen Begriff highly sensitive persons. Im Grunde beschreiben sie aber alle dasselbe Phänomen.

Prägend für die Erforschung der Hochsensibilität sind die Untersuchungen von Elaine Aron, Pionierin auf diesem Gebiet. Im Laufe ihrer jahrzehntelangen Arbeit hat sie festgestellt, dass das Gehirn von hochsensiblen Men7 schen etwas anders funktioniert als das von Menschen, die nicht hochsensibel sind. Alle Sinneskanäle sind bei Hochsensiblen ständig offen, alle Reize gehen ungefiltert hindurch. Diese detailreiche Wahrnehmung lässt das Leben sehr bunt, sehr laut, sehr intensiv erscheinen – es fehlt sozusagen der Spamfilter. Sie führt allerdings gleichzeitig dazu, dass das Gehirn mehr Zeit und Ruhe braucht, diese Reize auch zu verarbeiten, auseinanderzunehmen, zu sezieren, neu zusammenzupuzzeln und ad acta zu legen.

Im Alltag fühlt sich das dann ungefähr so an: Ich steige in die Bahn und nehme sofort den eigentümlichen, speziell in Zügen auffallenden Geruch nach abgestandener und warmer Luft wahr: diese Mischung aus den Ausdünstungen vieler Menschen, beim Imbiss geholtem Essen und Resten von Putzmitteln. Ich kann die Grundstimmung im Abteil und die einzelner Menschen, die ich auf dem Weg zu einem (hoffentlich!) freien Platz ansehe, anhand ihrer Mimik, Gestik, Körperhaltung, der Tonalität ihres Gespräches, anhand ihrer Blicke, Kleidung, ihres Alters, Schmucks, Geruchs oder anderer äußerlicher Attribute ausmachen. Wenn ich einen freien Sitz gefunden habe, bemerke ich, dass der Platz noch etwas warm von dem/von der Vorgänger*in ist. Irgendwie ist das unbequem heute. Der Bezug des Sitzes drückt sich durch meine Strumpfhose und kratzt unangenehm; im spiegelnden Fenster fällt mein Blick auf die Silhouette meines Kopfes, in dem schon der Arbeitstag durchdacht, die Einkaufsliste zusammengestellt und das nächste Reiseziel geplant wird. Ich kann keines der mich umgebenden Geräusche ausblenden. Nicht die Musik, nicht die Gespräche, nicht das Atmen und Schnaufen, Husten und Niesen, Klicken und Umblättern. Dass ich das alles nicht ignorieren kann, liegt nicht an meiner großen Neugierde oder weil ich unhöflich lausche (Sorry, Tamara, du könntest dir auch echt einen anderen Ort für das Streitgespräch mit Saskia suchen!). Vielmehr ist es mein fehlender Filter, der zulässt, dass alle Informationen direkt in mein Gehirn transportiert werden.

Wird mir alles zu viel, schaffe ich mir während der Bahnfahrt mit einem Buch und der Zuhause-Playlist einen Hyperfokus, in dem ich mich dann nur auf diese beiden Dinge konzentriere und alles andere ausblende. Leider auch manchmal das Aussteigen. Dieser Hyperfokus ist zum Bahnfahren, aber auch zum Arbeiten (dann ohne Buch) geeignet. Er lässt mich sogar in Großraumbüros das schaffen, was viele Hochsensible sich wünschen, aber oft nicht können: in einem unruhigen Umfeld produktiv zu sein. Diese Form des effektiven und effizienten Arbeitens ist, das will ich nicht verheimlichen, wegen der großen Kraft, die man für die Konzentration aufbringen muss, stark erschöpfend. Aber das ist der Arbeitsalltag für hochsensible Menschen meist sowieso: Große offene Büros, die eigentlich der Kommunikation und Teamarbeit dienen sollen, aber natürlich auch direktere Kontrolle und Vergleichbarkeit ermöglichen und darüber hinaus zum Einsparen von Platz, Geld und Ressourcen dienen sollen, sind strapaziös für den Kopf und den Körper – nicht nur für Hochsensible, aber besonders für sie. Klingelnde Telefone, laute Telefonate, Rufe durch das Büro, spontane Mini-Meetings auf dem Gang, die klingelnde Tür, der / die Postbot*in mit der neuen Lieferung Arbeit, klappernde Türen, anschlagende Tastaturen, zirkulierende Ventilatoren, knisternde Lampen, offene oder geschlossene Fenster, zu warme oder zu kühle Heizungen, Tisch-zuTisch-Gespräche, Lachen, Schritte und die unvermeidbare Frage zur Mittagszeit: Kommst du mit uns essen? «Äh, nein. Ich brauche eine Auszeit, um das hier weitere vier Stunden durchstehen und dabei gut meine Arbeit machen zu können», denke ich und sage: «Ja, klar. Zum Italiener oder Chinesen?», weil ich nicht die Einzige sein will, die nicht mitgeht. Außerdem befürchte ich, dass meine Kolleg*innen es falsch auffassen könnten, wenn ich absage. Was ist, wenn sie denken, ich hätte etwas gegen sie, und das persönlich nehmen? Schlimmer: Was ist, wenn sie etwas gegen mich haben, und ich das persönlich nehme? Spätestens nach dem Mittag sitze ich also mit Kopfhörern an meinem Schreibtisch, um dem geforderten Pensum gerecht zu werden. Am liebsten würde ich aber jetzt schon nach Hause gehen und Mittagsschlaf halten.

Zu Hause komme ich dann erschöpft und müde an und drohe manchmal schon an den simplen Anforderungen des Haushalts zu scheitern. Wann putzen andere Menschen und kaufen Lebensmittel ein? Wann sortieren sie ihre Post und die Strümpfe aus, wann machen sie ihre Ablage und finden die Zeit, um all diese Fotoalben von ihren Reisen und den Kindern fertig zu basteln? Um zu lesen? Die neuesten Serien und Filme werden geschaut, Theater besucht, Sport getrieben, einem Hobby nachgegangen und Freundschaften gepflegt – das alles meistern andere Menschen neben ihrem vollen Arbeitsalltag – und ich bin schon damit überfordert, ausreichend und gesund zu essen, halbwegs Ordnung zu halten und mein Gehirn wieder runterzufahren, damit ich irgendwann schlafen gehen kann. Wie schaffen es andere, sich an fünf von sieben Tagen zu verabreden und diese Treffen auch wirklich einzuhalten? Es ist mir ein Rätsel.

Aber nicht erst, seitdem ich arbeite. Schon zu Schulzeiten habe ich nach der letzten Stunde erst einmal zu Hause ein Nickerchen von zwei Stunden gebraucht, um runterzukommen, habe mir dann Schokolade essend meine Lieblingsserie Gilmore Girls angesehen, und erst zum Abendbrot war ich wieder fit, um mich anschließend an besonders wichtige Hausaufgaben zu setzen (den Rest erledigte ich zwischen den Unterrichtspausen oder auch im Unterricht selbst).

Nun, im lang herbeigesehnten Erwachsenenleben, klappt das mit dem Mittagsschlaf nicht mehr, und so stehe ich vor der Wahl, allein zu Haus zu bleiben und meinem Ruhebedürfnis nachzugeben oder Freunde zu treffen, obwohl ich müde und unkonzentriert bin. Das heißt, dass ich nicht die gute Gesellschaft sein werde, die ich gern sein würde und die die Menschen verdient haben. Eine dritte Option wäre, kurzfristig abzusagen.

Welche der drei Alternativen ich wähle, knoble ich in meinem Gehirn aus, dass es nur so rauscht in meinem Kopf und ich nervös und fahrig werde, zu keinem klaren Gedanken mehr wirklich fähig, ständig alle Fürs und Widers abwägend: Wenn ich zu Hause bleibe, dann könnte ich mich ausruhen, einen Film schauen, früh schlafen gehen. Aber: Die anderen schaffen es ja auch, sich aufzuraffen – vielleicht muss ich nur meinen inneren Schweinehund überwinden? Würde ich mich nicht außerdem die ganze Zeit schlecht fühlen, wenn ich zu Hause bliebe und die anderen tolle Dinge erleben, ja überhaupt leben? Andererseits: Falls ich hingehe, fehlen mir Schlaf und Ruhe, die Quittung bekäme ich morgen, wenn ich matschig zur Arbeit gehe und den Tag über durchhänge. Ich könnte natürlich morgen Abend zu Hause bleiben. Ach nein, da ist ja die Verabredung mit Lisa. Mist. Anstatt Lisa heute schon abzusagen, mache ich das natürlich erst morgen am späten Nachmittag, weil ich bis zuletzt hoffe, doch noch fit genug zu sein, um das Treffen durchstehen zu können.

Zu sehr fürchte ich mich davor, dass andere Menschen bemerken könnten, dass ich anders bin. Dass sie mich abstempeln als die, die immer nur zu Hause ist und liest. Dass ich mit der Zeit ausgeschlossen werden könnte. Und dass das natürlich alles an mir liegt und mein Fehler ist. Also gehe ich auf Partys und andere Veranstaltungen mit vielen Menschen, die laut und betrunken und gesprächig sind und von denen ich einen Großteil nicht kenne. Es ist toll, wie sie ihre Zeit genießen. Nur tue ich das an neun von zehn solcher Abende nicht.

Bei Konzerten stehe ich am liebsten hinten, wo Platz und Luft zum Atmen sind. Oder draußen, das ist auch okay. Bei Partys vorzugsweise an der Bar. Um freiwillig zu tanzen, muss ich schon einiges trinken, und das mache ich dann auch, um diese Reizüberflutung an Musik, Menschen, Gerüchen und Lichtern mildern zu können. Alkohol betäubt und stumpft ab, sodass es mir leichter fällt, solche Veranstaltungen auszuhalten.

Es gibt Tage, an denen ich wirklich gern ausgehe, Menschen treffe und extrovertiert bin. Das gelingt mir eher, wenn mir die Orte und Menschen vertraut sind. In meine Lieblingsbar ums Eck zu gehen ist eine ganz andere Herausforderung als bei der WG-Party einer/eines ehemaligen Kommilitonen*in vorbeizuschauen. Eine enge Freundin auf eine Tasse Tee einzuladen, um selbst anstrengende Tage gemeinsam ausklingen lassen und noch einmal besprechen zu können, erfordert weniger Anstrengung und Überwindung als zum Essen mit mehreren Freunden zu gehen.

Neue Situationen und Menschen verunsichern mich. Wie mag es dort sein? Wo sind die Toiletten? Muss ich erst danach suchen? Oder danach fragen? Was ist, wenn es mir nicht gefällt und ich dort nicht so schnell wieder wegkann? Ab wann ist es okay zu gehen? Und: Wie sage ich eigentlich Hallo? Nur ein kurzes «Hi»? Nicken? Schüttele ich die Hand? Oder ist das zu förmlich? Aber eine Umarmung ist mir zu intim. Keinesfalls Wangenküsschen, die tausche ich nicht einmal mit Freund*innen. Was ist, wenn diese peinliche Stille entsteht? Was ist, wenn ich erröte? Wenn der / die andere mich von Beginn an deshalb für einen Schwächling oder eine Langweilerin hält?

Erzähle ich selbstbewussten, extrovertierten, nicht hochsensiblen Menschen von diesen Ängsten und Herausforderungen des Alltags, müssen sie meist lachen. Für sie ist es nicht nachvollziehbar, dass ich mir um diese Dinge ernsthaft Gedanken und Sorgen mache. Für sie sind sie so banal wie egal, können mit einem Lächeln abgeschüttelt werden. Ich beneide diese Menschen: Ich wäre gern so entspannt im Umgang mit dem Leben.

Die verstärkte Wahrnehmung von Außenreizen, mit der eine tiefergehende Verarbeitung und ein detailreiches Erinnerungsvermögen einhergehen, lässt Hochsensible tief empfinden und erleben, empathisch, aber eben auch schmerz- und rauschempfindlich, stimmungsbeeinflusst, perfektionistisch und selbstkritisch sein, häufig überangepasst und weniger belastbar. Kein Wunder, dass der Wunsch nach Harmonie und Ruhe in diesem immer auf Hochtouren laufenden, nie einen Gang runterschaltenden, selten für die Kurven bremsenden Gehirn sie nur zu gern allein sein lässt. Denn allein können hochsensible Menschen sein, wie sie sind. Den Reizstrom selbst regulierend – und vor allem kontrollierend –, schließen sie die Welt gern einmal aus, um wieder bei sich ankommen zu können. So gelingt es ihnen besser, sich auf die nächste Synapsenparty einzulassen, die da draußen auf sie wartet.

Es ist ein ambivalentes Leben, das Hochsensible leben, vor allem bis zu dem Punkt, an dem sie von ihrer Hochsensibilität erfahren. Vorher das implodierende Chaos, bei dem von außen niemand so genau wahrnimmt, was im Inneren für ein Wirbelsturm tobt. Hinterher, wenn erst einmal das Wort für dieses Empfinden gefunden ist – hochsensibel –, legt sich dieser Wind meist. So war es jedenfalls bei mir. Die Veränderung erfolgte nicht über Nacht, aber sie schlich sich langsam ein. Wo ich mich sonst darum sorgte, was andere denken könnten, was andere Menschen machen würden, was ich jetzt machen sollte oder müsste, setzt sich immer öfter die Frage durch: Was will ich?

Ich wollte mich nicht weiter emotional und körperlich ausbeuten, mich allen (empfundenen oder tatsächlichen) Erwartungen, Vorstellungen und gesellschaftlichen Standards anpassen. Ich hatte oft keine Kraft mehr, mich für den Schein eines extrovertierten Lebensstils zu verbiegen, und entschied mich, anfangs zögerlich und mich selbst stets und ständig hinterfragend, immer häufiger für Aktivitäten, die mir guttun. Meine nach außen lässige Attitüde, die Rollen, die ich einnahm, ließ ich fallen. Immer öfter konnte ich nachsichtig mit mir und in echter Freude beruhigenden Aktivitäten nach- und aufwühlenden Verabredungen und Verpflichtungen aus dem Weg gehen. Doch bis dahin war es ein langer Weg.